Ärzte übertragen ihre Arbeit

In Deutschland wird in der Gesundheitspolitik viel über das Thema Delegation und Substitution ärztlicher Tätigkeiten diskutiert. Grund dafür sind unter anderem, die große Arbeitsbelastung der Ärzte, die knappe Anzahl an Ärzten und die Frage nach einem effizienteren Arbeiten. Hier sind einige Ideen im Raum, wie eine neue Ausbildung zum Clinical Assistent, welcher direkt den Arzt unterstützt oder die Akademisierung der Pflegeberufe.

Das große Problem welches immer vorgeschoben wird, wenn es um das Thema Delegation von ärztlichen Tätigkeiten geht, ist oft die rechtliche Grundlage. Der Arzt ist für alle ärztlichen Tätigkeiten im Endeffekt verantwortlich und haftbar. Daher überlegt man lieber dreimal ob man was abgibt oder nicht doch selber macht.

Die Diskussion zu dem Thema habe ich in Deutschland seit einiger Zeit mitverfolgt. Ich persönlich bin der Meinung, dass man effizienter arbeiten würde, wenn man neu überlegt, welche Handlungen vom Arzt übernommen werden und wo und wann es Sinn macht, dass dies jemand anders übernimmt. Ich selber habe als Famulantin selber genug lustige Situationen erlebt, wo teilweise Arbeitsabläufe ewig dauern, nur weil irgendwelche Kompetenzen einen hindern. Blut abnehmen zum Beispiel ist teilweise ärztliche Tätigkeit. Da muss eine Schwester in der Notaufnahme mal gut und gerne 15min neben dem Arzt sitzen und in die Luft gucken anstatt dem Patienten schon mal Blut abzunehmen. Oder Blutabnehmen auf Stationen… teilweise muss der Patient stundenlang auf die Blutabnahme warten und möglicherweise ist dann das Labor schon zu, nur weil kein Arzt Zeit hatte. Da es aber nicht Aufgabe der Pflege ist, die ja die ganze Zeit vor Ort ist, muss der Patient halt noch einen Tag länger auf die Ergebnisse warten.

Das ist zwar von Krankenhaus zu Krankenhaus sehr unterschiedlich, aber dennoch gibt es genug Beispiele dafür;-)

Aber genug der effizienz-schlechten Beispiele. Im Folgenden möchte ich euch vorstellen, wie das in Finnland läuft und in meinen Augen ein kleines Vorbild für uns ist.

Die Ausbildung für die Pflege ist hier ein bisschen anders und ist in etwa auf Hochschulniveau. Das bedeutet, dass sie mehr medizinische Sachen lernen und daher auch mehr ärztliche Tätigkeiten übernehmen können. Ein Auszubildender in der Pflege erzählte mir, dass er nicht nur „brainless stuff“ machen möchte und nicht nur hinter den Ärzten her räumen möchte. Deswegen ist es für ihn selbstverständlich so viel es geht zu übernehmen. Er könnte sich auch nicht vorstellen wo anders als in einem Skandinavischen Land in der OP oder Anästhesiepflege tätig zu sein.

Hier bleibt der Anästhesist während der OP nicht im Raum.

Ich absolviere hier meine Famulatur in der Anästhesie und bekomme daher gerade die Arbeit der Anästhesisten mit. Die Anästhesisten sind für die Einleitung und die Ausleitung der OP zuständig. Meistens bleiben sie am Anfang bis zum Schnitt im Raum und gehen dann. Dann ist die Anästhesiepflege zuständig und hält die Narkose aufrecht. Eigenständig wird die Narkose verlängert und auf die Vitalparameter geachtet. Sobald etwas Unerwartetes passiert oder sich der Zustand verschlechtert wird der Anästhesist dazu gerufen und übernimmt. Anästhesist und Anästhesiepflege wechseln sich bei langen OPs ab, damit keiner 4 Stunden neben einer OP sitzen muss. Das ist ja schließlich für alle langweilig, erzählte mir eine Pflegerin.

Während der Zwischenzeit kann der Anästhesist zu seinem nächsten Patienten zu gehen und diesen noch einmal befragen. Alternativ stehen Dokumentationsarbeit oder sich in das Krankheitsbild der nächsten Patienten einzulesen auf dem Plan.

Spannend finde ich, dass hier die rechtliche Grundlage eine Ähnliche zu unserer ist. Der Anästhesist ist für die Lagerung und die Narkose des Patienten zuständig und haftet, also eigentlich so wie bei uns. Jedoch hat er die Freiheit teilweise Aufgaben zu delegieren für die er dann auch wenn sie jemand anders ausführt verantwortlich bleibt. Der entscheidende Unterschied zu der Arbeit bei uns ist, dass mit der Situation anders umgegangen wird. Während man in Deutschland alles beim Arzt lässt, wir hier die Pflege besser geschult und eingebunden. Hier ist auch eine enge Zusammenarbeit zwischen Anästhesiepflege und Anästhesist notwendig, damit der Arzt auch weiß welchem Pfleger/Pflegerin man was übertragen kann.

Die Übernahme von ärztlichen Tätigkeiten konnte ich nicht nur in der Anästhesie beobachten. Aber auch auf der anderen Seite des OP-Tuchs, bei den Chirurgen ist das der Fall. Ich kenne es so, dass einer der Operateure den Patienten desinfiziert. Hier ist das auch Aufgabe der Pflege.

Zusammenfassend finde ich die enge Zusammenarbeit von Pflege und Ärzten im OP sehr hilfreich. Es ist auf der einen Seite effizienter, weil die Pflege eigenständiger arbeiten kann und nicht immer auf den Arzt angewiesen ist. Auf der anderen Seite haben die Ärzte mehr Zeit für ihre Patienten oder andere Tätigkeiten. Hierfür ist eine gute Ausbildung der Pflege notwendig, da sie ja entscheiden, ab wann eine Situation kritisch ist. Ich würde sagen es lohnt sich auf jeden Fall und es macht Spaß so viele Köpfe zu haben die mitdenken und viel machen!

 

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